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CORE_11 (Start-up)

Die Einführung moderner immunsuppressiver Medikamente hat das Transplantatüberleben von Organempfängern deutlich verlängert. Dennoch stellen hauptsächlich späte, meist schwer zu behandelnde Abstoßungsreaktionen weiterhin die wichtigste Ursache für Transplantatverluste dar. Adhärenz der Patienten, d.h. die zuverlässige und korrekte Einnahme der immunsuppressiven Medikamente, ist für die Verhinderung von Abstoßungsreaktionen essentiell. Eine durch den Patienten selbständig durchgeführte Veränderung seiner immunsuppressiven Medikamente war mit einem Risiko von 60% für ein Transplantatversagen assoziiert (Pinsky et al., 2009). Insbesondere späte Abstoßungsreaktionen scheinen mit geringer Adhärenz assoziiert zu sein (Sellarés et al., 2012). Trotz der potentiellen negativen Folgen einer Non-Adhärenz stellt diese ein substanzielles Problem in einem nicht geringen Anteil der transplantierten Patienten dar. Mögliche Gründe hierfür sind die zu komplexen Therapieregime, bereits initial fehlendes oder im Verlauf verlorenes Wissen der Patienten über ihre Medikamente und deren korrekte Einnahme, Nebenwirkungen, persönliche Probleme oder depressive Störungen, oder auch Nachlässigkeit aufgrund einer jahrelangen sehr guten Transplantatfunktion. Erstaunlicherweise beschränken sich die meisten Studien auf die Erfassung und Vorhersage von Adhärenzraten, während es nur sehr wenige Ansätze gibt, die Adhärenz zu verbessern.

Es ist unser langfristiges Ziel, Patienten-fokussierte Interventionen zur Verbesserung der Adhärenz in die Nachsorge nach Nierentransplantation zu implementieren. Vor diesem Hintergrund planen wir eine gemeinsame multizentrische, randomisierte, interventionelle Studie mit den Kliniken der Universitäten Erlangen und Göttingen mit dem Ziel, die Medikamenten-Adhärenz bei Patienten nach Nierentransplantation zu unterstützen. Die hierfür geplante psychologische Intervention wird dieses Jahr in einer kleinen Pilotstudie in unserem Zentrum hinsichtlich Durchführbarkeit und Patientenakzeptanz getestet.

Leider gibt es keine akkurate Methode, um Medikamenten-Adhärenz in derartigen Studien zu messen. Bislang gelten elektronische Monitoring-Systeme (MEMS) innerhalb von Studien als die beste Messmethode für Adhärenz, die Nachteile dieser Methode sind aber nicht gering. Die elektrischen Tablettenboxen sind relativ groß und müssen im Vorfeld entweder vom Patienten oder von der Apotheke befüllt werden. Da sie nicht über Batteriebetrieb verfügen, können sie im Alltag nicht mitgenommen werden, und Patienten müssen ihre Medikamente aus der Box nehmen, bevor sie das Haus verlassen. Wenn die Box geöffnet wird, wird ein Signal über Mobilfunk an den Server gesendet, d.h. neben den Anschaffungskosten sind Telefonkosten zu kalkulieren. Im klinischen Alltag ist diese Methode daher unpraktisch. Andere Methoden, wie Messung der Blutspiegel von Medikamenten oder Patientenbefragung mit validierten Fragebögen, haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

Ein wahrer Goldstandard zur Adhärenzmessung in klinischen Studien, aber auch im Alltag, steht bislang nicht zur Verfügung. Dennoch kann eine klinische Studie zum Thema Adhärenz nicht ohne die in der Literatur bestbewertende Messmethode, d.h. über MEMS, durchgeführt werden. In der oben erwähnten multizentrischen Studie soll daher die mit MEMS erfasste Adhärenz den primären Endpunkt darstellen. Aufgrund der beschriebenen Schwächen halten wir die vorherige Testung eines solchen Geräts vor Beginn einer großen Multicenter-Studie für unabdingbar.

Die Messung von Medikamentenspiegeln im Blut ist das Standardverfahren, um adäquate Immunsuppression im klinischen Alltag zu monitoren. In der Literatur wurde die Variabilität der Talspiegel zur Adhärenzmessung verwendet, was den Vorteil der einfachen Implementierbarkeit in der Praxis bietet. Bislang wurde dies aber noch nicht mit dem sogenannten „Goldstandard“ MEMS verglichen, so dass wir in dieser Pilotstudie die Korrelation und Übereinstimmung dieser beiden Methoden analysieren wollen. Zusätzlich werden wir die Patienten selbst mit validierten Fragebögen zu ihrer Adhärenz befragen (BAASIS©) und die erhobenen Daten mit den MEMS-Ergebnissen korrelieren. Wir werden außerdem untersuchen, inwiefern die Anwendung eines MEMS per se die Adhärenz eines Patienten beeinflusst (und damit eine Interventionsstudie verfälschen würde), indem wir die Variabilität der Medikamenten-Blutspiegel in den zwei Monaten vor Studienbeginn mit denen während der Studiendauer sowie die Ergebnisse der Patientenbefragung zu Studienbeginn und –ende vergleichen.

Das geplante Projekt soll folgende Fragen beantworten: Ist die Benutzung des MEMS als primärer Outcome-Parameter in unserer zukünftigen Multicenter-Studie praktikabel? Sind die Variabilität der Medikamenten-Blutspiegel und/oder die durch Patientenbefragung erhobene Adhärenz als möglicher Outcome-Parameter vergleichbar mit MEMS und könnten diese das MEMS in zukünftigen Studien ersetzen?

Team

Dr. med. Anna Bertram

Prof. Dr. med. Martina de Zwaan

Prof. Dr. med. Mario Schiffer

Kooperationspartner

Biometrie

Publikationen

  1. Scheel J, Reber S, Stoessel L,, Waldmann E, Jank S, Eckardt KU, Grundmann F, Vitnius F, de Zwaan M, Bertram A, Erim Y. Patient-reported non-adherence and immunosuppressant trough levels are associated with rejection after renal transplantation. BMC Nephrol. 2017 Mar 29;18(1):107.
  2. Bertram A, Pabst S, Zimmermann T, Schiffer M, de Zwaan M. How can you be adherent if you don’t know how? Transpl Int. 2016 Jul;29(7):830-2.
  3. Pabst S, Bertram A, Zimmermann T, Schiffer M, de Zwaan M. Physician reported adherence to immunosuppressants in renal transplant patients: Prevalence, agreement, and correlates. J Psychosom Res. 2015 Nov;79(5):364-71.
  4. Zimmermann T, Pabst S, Bertram A, Schiffer M, de Zwaan M. Differences in emotional responses in living and deceased donor kidney transplant patients. Clin Kidney J. 2016 Jun;9(3)503-9.